Sechs Unternehmensbeispiele zeigen, was passieren kann, wenn Digitalisierung zu spät kommt oder schlecht umgesetzt wird. Lesen Sie, was schiefging und was Sie daraus für Ihren Betrieb lernen können.

Platz sieben ist noch zu haben. Melden Sie sich vorher bei uns, nicht nachdem Sie dort gelandet sind.

Titus

Skate- und Streetwear-Handel, rund 160 BeschäftigteInsolvenz 2025, saniert

Der Münsteraner Händler mit 16 eigenen Filialen, sieben Partnerläden und eigenem Onlineshop führte 2024 ein neues Warenwirtschaftssystem ein. Die Einführung lief technisch schief, Lieferfähigkeit und Umsatz brachen ein. Im Februar 2025 folgte die Insolvenz in Eigenverwaltung, im Sommer 2025 war das Verfahren beendet, 17 der 23 Läden blieben.

Was mit der Technik zu tun hatte
Hier kam der Umbau nicht zu spät, sondern ungeprüft. Das Unternehmen nennt die technischen Probleme des neuen Systems als Ursache erheblicher Umsatzeinbußen und Zusatzkosten.

Was daneben ebenfalls wirkteKonsumzurückhaltung und ein schwacher Modehandel werden als zweite Ursache genannt und trafen die ganze Branche.

Ein Digitalisierungsprojekt kann einen gesunden Betrieb umwerfen. Wer den Ist-Zustand erst nach dem Umstieg kennt, lernt ihn am teuersten Tag.

Wie wir bei so einem Vorhaben vorgehen

Vor einem Wechsel der Warenwirtschaft gehen wir den Weg einer Bestellung einmal ganz mit: Shop, Bestand, Kommissionierung, Versand. Danach steht auf Papier, was zwischen den Systemen übergeben wird und wo der Ablauf heute schon stockt. Daraus werden Prüffälle, etwa Teilbestellung, Retoure und Bestandsabgleich. Was davon im neuen System nicht sauber durchläuft, hält den Umstieg auf. Wer freigibt und wie der Rückweg aussieht, steht vorher fest.

Haba Familygroup

Spielwarenhersteller, rund 2.000 BeschäftigteUmstellung 2023, Insolvenz der Vertriebstochter

Der Hersteller aus Bad Rodach stellte zum Jahreswechsel 2022/2023 auf ein neues ERP-System um. Ausgerechnet im Onlinegeschäft kam es zu massiven technischen Problemen. Im Juli 2023 kündigte das Unternehmen den Abbau von bis zu 650 Stellen an, im September folgte die Insolvenz in Eigenverwaltung für die Vertriebsgesellschaft. Ende Februar 2024 war das Verfahren beendet.

Was mit der Technik zu tun hatte
Die Umstellung traf den Kanal, an dem die Gruppe hing. Fach- und Regionalpresse führen die Schieflage ausdrücklich auch auf die Probleme mit der neuen Software zurück.

Was daneben ebenfalls wirkteEin Fachtitel überschreibt den Fall bewusst mit „SAP als Sündenbock“. Presse und Gewerkschaft nennen strategisch falsche Entscheidungen der früheren Führung und interne Grabenkämpfe mindestens gleichrangig, dazu einen allgemeinen Umsatzrückgang.

Trifft ein Umbau auf ungeklärte Zuständigkeiten, wird aus dem technischen Problem ein Führungsproblem.

Wie wir bei so einem Vorhaben vorgehen

Wir fragen als Erstes, woran der Umsatz hängt, und nehmen genau diesen Weg auf: vom Kauf bis zur Auslieferung. An jeder Übergabe halten wir fest, welches System die Daten liefert und wer im Betrieb dafür geradesteht. Fehlt das, meldet sich der erste Fehler beim Kunden statt bei dem, der ihn beheben kann.

Liqui Moly

Schmierstoffhersteller, rund 850 BeschäftigteSystemwechsel 2019

Der Ulmer Hersteller löste zum Jahresbeginn 2019 ein jahrzehntealtes System ab. Nach dem Start brach die Lieferfähigkeit ein, Container gingen nur teilweise gefüllt raus, Termine wurden mit teurer Luftfracht gehalten. Das Unternehmen blieb profitabel, das Halbjahresergebnis fiel aber um rund 30 Prozent.

Was mit der Technik zu tun hatte
Vorbereitet wurde seit 2014, mit 48 Beschäftigten als Schlüsselanwendern und bis zu 25 externen Beratern. Der damalige Geschäftsführer sagte danach, er hätte nie gedacht, dass eine Software-Umstellung ein ganzes Unternehmen dermaßen ins Schleudern bringen kann.
Warum der Fall heute noch trifft
Der Fall widerlegt die bequemste Annahme im Mittelstand, ein Systemwechsel sei eine Aufgabe der IT. Er ist eine Aufgabe des Betriebs, und er trifft zuerst die Lieferfähigkeit.

Was daneben ebenfalls wirkteDie Quellen nennen keine zweite Ursache. Das Geschäft war vorher gesund. Genau das macht den Fall unbequem.

Auch ein sauber vorbereitetes Projekt kann den Betrieb treffen. Wer vorher nicht weiß, welcher Ablauf woran hängt, erfährt es am Tag des Umstiegs.

Wie wir bei so einem Vorhaben vorgehen

Ein Projektplan beschreibt, wie gearbeitet werden soll. Wir gleichen ihn mit dem ab, was im Versand tatsächlich passiert, und zwar an den Arbeitsplätzen selbst. Dort suchen wir mit den Mitarbeitern die Aufträge heraus, die erfahrungsgemäß Probleme machen, und lassen sie vor dem Start einmal ganz durchlaufen, von der Bestellung bis zur Verladung. Ein Programm, das für sich funktioniert, sagt noch nichts darüber, ob der Container voll wird.

KLiNGEL Gruppe

Versandhandel, rund 1.800 BeschäftigteInsolvenz 2023, Betriebsende 2024

Der Pforzheimer Versandhändler ging im Mai 2023 in Eigenverwaltung, im hundertsten Jahr seines Bestehens. Ein Investor für die Gruppe fand sich nicht, Ende Januar 2024 endete der Geschäftsbetrieb. Mehr als 1.300 Arbeitsplätze fielen weg, die Marken wurden einzeln verkauft.

Was mit der Technik zu tun hatte
Die alte Großrechner-Landschaft wurde erst im zweiten Halbjahr 2022 abgelöst. Das Unternehmen selbst schreibt, diese Umstellung habe den Geschäftsbetrieb erheblich beeinträchtigt. Sie war teuer und fiel in genau das Jahr, in dem das Geld ohnehin knapp wurde.

Was daneben ebenfalls wirkteKonsumzurückhaltung, Inflation, verdoppelte Papierpreise und stark gestiegene Frachtkosten trafen die ganze Branche. Ein fehlender Onlinekanal war das Problem nicht: Mehr als die Hälfte der Bestellungen lief bereits über das Netz.

Der richtige Umbau zum falschen Zeitpunkt bleibt der falsche. Wer wartet, bis es weh tut, baut um, während die Kasse leer läuft.

Wie wir bei so einem Vorhaben vorgehen

Ob ein Großrechner abgelöst werden muss, ist selten die schwierige Frage. Schwierig ist, was der Aufschub kostet. Wir rechnen deshalb beide Seiten in Euro: was der heutige Stand jedes Jahr kostet, und was die Ablösung kostet, mitsamt Datenübernahme, Schulung, Parallelbetrieb und den Tagen, an denen weniger ausgeliefert wird. Aus diesen zwei Zahlen ergibt sich, ob der Wechsel am Stück geht oder in Stufen, und wie lange er überhaupt noch bezahlbar ist.

Weltbild

Buch- und MedienhandelInsolvenzen 2014 und 2024

Der Augsburger Händler meldete im Januar 2014 Insolvenz an, nachdem die kirchlichen Gesellschafter weitere Mittel verweigert hatten. Ein Investor übernahm, im Juni 2024 folgte die zweite Insolvenz und Ende August die Geschäftsaufgabe. Marke und Kundendaten gingen an Thalia.

Was mit der Technik zu tun hatte
Nicht der Onlinekanal. Weltbild betrieb einen der größten deutschen Shops und war 2013 Mitgründer der Tolino-Allianz gegen Amazon. Das Digitalgeschäft lief aber neben Katalogversand und rund 420 Filialen her, statt sie abzulösen.

Was daneben ebenfalls wirkteAls Gesellschafter standen dreizehn Diözesen ohne einheitliche Führung dahinter, Verkaufsversuche liefen seit 2008. Vor der zweiten Insolvenz kamen teures Katalogmarketing, nicht integrierte Zukäufe und ein diffuses Sortiment dazu. Eine Branchenanalyse hielt danach fest, dass in zehn Jahren dieselben Fehler wiederholt wurden.

Ein Betrieb kann digital sichtbar sein und trotzdem scheitern, wenn das alte Kostenmodell daneben weiterläuft.

Wie wir bei so einem Vorhaben vorgehen

Wir ordnen Erlöse und Kosten den Kanälen einzeln zu: Katalog, Filialen, Shop. Dabei zählen wir mit, wo dieselbe Arbeit zweimal anfällt und welche Systeme nebeneinander gepflegt werden. Danach liegt belegt vor, was jeder Kanal einbringt und was er kostet. Welcher bleibt, ist dann eine Rechnung und keine Überzeugungsfrage.

Anton Schlecker

DrogeriemärkteInsolvenz 2012

Im Januar 2012 meldete Schlecker Insolvenz an, im Juni entschieden die Gläubiger die Zerschlagung. Bis Ende Juni schlossen alle Filialen, rund 25.000 Menschen verloren ihre Arbeit. Es war eine der größten Pleiten im deutschen Einzelhandel.

Was mit der Technik zu tun hatte
Bis zuletzt gab es kein elektronisches Warenwirtschaftssystem. Filialen bestellten per Faxliste, der Finanzchef hatte keinen Zugriff auf die Buchhaltung. Der Insolvenzverwalter fragte danach öffentlich, wie ein Konzern so überhaupt zu führen sei.
Warum der Fall heute noch trifft
Faxlisten sind selten geworden, das Muster nicht. Wer seine Zahlen erst im Jahresabschluss sieht, erkennt eine Fehlentwicklung ein Jahr zu spät. In Betrieben, in denen Excel und Handschrift die Steuerung tragen, ist der Abstand zwischen Vorgang und Erkenntnis heute nicht kleiner als damals.

Was daneben ebenfalls wirkteDie eigentliche Schwäche lag im Filialkonzept: zu viele zu kleine Läden, Umsatz je Filiale rund 500.000 Euro, bei dm sind es heute 5,4 Millionen. Dazu Imageschäden aus dem Umgang mit Beschäftigten und ein Umbau, der zu spät begann und zu teuer wurde.

Die fehlende Datenbasis hat das Problem nicht verursacht. Sie hat verhindert, dass es jemand rechtzeitig sah.

Wie wir bei so einem Vorhaben vorgehen

Wir sehen uns an, wie Bestellungen, Bestände, Umsätze und Kosten erfasst werden, und vor allem, wie viele Tage vergehen, bis die Geschäftsführung sie zu sehen bekommt. Diesen Abstand messen wir, weil er darüber entscheidet, ob eine Fehlentwicklung nach zwei Wochen auffällt oder erst im Jahresabschluss. Ein Laden, der zu wenig umsetzt, steht in laufenden Zahlen nach einem Quartal fest. Auf einer Faxliste steht er gar nicht.

Nicht nur diese sechs

263 Betriebe mit mehr als 100 Beschäftigten waren 2025 insolvent. Allein in Deutschland.

Wer sich nicht schnell genug anpasst, wird selbst zum Treiber der steigenden Insolvenzzahlen.

Patrik-Ludwig Hantzsch, Creditreform Wirtschaftsforschung, über Digitalisierung und Automatisierung

Wie viele der 263 daran hingen, zählt niemand. Wie es aussieht, steht oben.

Über alle Größen: 24.064 Insolvenzen, der höchste Stand seit 2014.

Quellen

Ein Systemwechsel muss im Betrieb funktionieren.

Keiner dieser Betriebe ist an fehlender Technik gescheitert. Gefehlt hat jedes Mal dasselbe: eine belastbare Aufnahme des Ist-Zustands, bevor umgebaut wurde.

Genau damit fangen wir an. Bis zu fünf Tage sind wir bei Ihnen im Betrieb, nehmen die Abläufe mit Ihren Mitarbeitern auf und rechnen in Euro, was der heutige Stand kostet. Danach wissen Sie, woran Ihr Betrieb hängt und was eine Änderung daran bringt. Was gebaut wird, entscheiden Sie mit diesen Zahlen.

Unser Motto dabei:gute Planung, noch bessere Umsetzung.